Energiewechsel

Weingarten (Baden): Ein schwarzer Tag in Weingartens Geschichte

Pressemeldung vom 14. April 2015, 16:25 Uhr

Vor 70 Jahren zerstörten Bomben die evangelische Kirche und das Gemeindehaus

Der Karsamstag fiel 1945 in der Endphase des Zweiten Weltkriegs auf den 31. März, und es war einer der traurigsten Tage in Weingartens über tausendjähriger Geschichte. Denn am Vortag von Ostern bekam das Dorf am Walzbach noch einmal die schrecklichen Folgen eines Krieges zu spüren, den das verbrecherische nationalsozialistische Regime unter Adolf Hitler angezettelt hatte und das in einer beispiellosen Katastrophe sowohl für die Soldaten als auch für die Zivilbevölkerung endete. Die Gedenkstunde in der evangelischen Kirche, die an die Bombenangriffe der Alliierten vor 70 Jahren erinnerte, stand ganz im Zeichen der Mahnung zu Frieden und Gerechtigkeit in der Welt. Sie wurde von Pfarrerin Bettina Fuhrmann inhaltlich und vom Posaunenchor des CVJM unter der Leitung von Bernd Breitenstein musikalisch gestaltet. Die entsprechenden Fürbitten um Frieden trugen auch Bürgermeister Eric Bänziger und sechs Konfirmandinnen vor. Der Ort hätte nicht besser gewählt sein können, wurde jedoch an jenem Tag unter anderem das Langhaus der evangelischen Kirche und das Gemeindehaus mit Kindergarten am Marktplatz völlig zerstört. Bereits um 7 Uhr kreisten, so Augenzeugen, Jagdbomber wie Hornissen über Weingarten und schossen auf Verteidigungsanlagen, Fahrzeuge und auch auf Zivilisten. Um 11.45 Uhr wurde die Gemeinde erneut bombardiert, wobei mehrere Ortsviertel betroffen waren. Dabei kamen in der Friedrich-Wilhelm-Straße in Höhe der Einmündung Körnerstraße Herta Zickwolf, die im Ortszentrum etwas einkaufen wollte und der Landwirt Karl Friedrich Hartmann ums Leben. Die nächste Angriffswelle setzte zwischen 14 und 15 Uhr ein. Dabei fiel eine Bombe auf das Langhaus der evangelischen Kirche, das sofort in Schutt und Asche sank. Nur der Turm des Gotteshauses hielt Stand, und die Turmuhr blieb um 14.53 Uhr stehen. Durch den Luftdruck verloren die katholische Kirche und das katholische Pfarrhaus einen Teil ihrer Fenster, und auch deren Dächer wurden schwer beschädigt. Mitten ins Inferno geriet die damals zehnjährige Renate Wagner, geborene Gablenz. Sie wurde auf dem Weg zum Bierholen in der "Krone" vom Angriff überrascht. Ein Soldat, der an der Nordwand des östlichen Querbaus der evangelischen Kirche stand, rief sie zu sich, um sie vor der drohenden Gefahr zu schützen. In diesem Moment krachte es auch schon. Das Mädchen steckte danach in einem Dreckhaufen, hielt noch den abgebrochenen Henkel des Bierkruges in der Hand und hatte mehrere Verletzungen am Kopf. Ihr Vater, der nach ihr gesucht hatte, und einige Helfer befreiten sie dann vorsichtig aus dem Schutt. Dagegen wurde der Soldat Walter Oskar Hellinger von herab fallenden Steinen erschlagen. Bei der Zerstörung des evangelischen Gemeindehauses, in dem sich das deutsche Offizierskasino, die Feldküche und eine Zahlstelle befanden, starben ein Kind, eine Frau und fünf Soldaten. Während des Bombenangriffs war der Kirchendiener Christian Schaufelberger in der Nähe der evangelischen Kirche. Kurz zuvor hatte er noch die wertvollen Abendmahlsgefäße in Sicherheit gebracht. Christian Schaufelberger kam mit dem Leben davon, aber er büßte durch die Druckwellen der Detonationen sein Gehör fast gänzlich ein.7/132 Nachdem die evangelischen Christen kein Gotteshaus mehr hatten, gab es bereits in der Stunde der Not ein Zeichen ökumenischer Verbundenheit: Pfarrer Josef Hafner stellte die katholische Kirche spontan zur Verfügung. Dort fand dann am Ostersonntag um 6 Uhr bereits der Gottesdienst der evangelischen Gemeinde statt. Doch kaum waren die Gläubigen zu Hause, kamen die Jabos schon wieder. Bei diesem Angriff kam Kaspar Hauswirth in der Körnerstraße zu Tode. Insgesamt sind in diesen Tagen in Weingarten 20 Menschen ums Leben gekommen. Wer mehr über die damaligen Ereignisse wissen möchte, dem sei die Broschüre "Als die Franzosen einmarschierten", die der Bürger- und Heimatverein 2007 herausgegeben hat, empfohlen. Darin berichten Augenzeugen über das Kriegsende und die Nachkriegszeit sowie zu Flucht und Neuanfang der Heimatvertriebenen in Weingarten. Sie ist im Heimatmuseum und beim "Bücherwurm" erhältlich.

Quelle: Bürgermeisteramt Weingarten (Baden)

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