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Backnang: „Krankenmord im Nationalsozialismus – Grafeneck 1940

Pressemeldung vom 21. August 2012, 10:40 Uhr

Euthanasie-Verbrechen in Südwestdeutschland“ – Eine Wanderausstellung

Seit dem Jahr 2003 verfügt die Gedenkstätte Grafeneck über ein neues und in dieser Dimension für eine Gedenkstätte in Baden-Württemberg einzigartiges Medium: eine Wanderausstellung. In Zusammenarbeit mit der Initiative Stolpersteine Backnang ist sie vom 15. September bis 13. Oktober im Obergeschoss der Stadtbücherei Backnang, Im Biegel 13, zu sehen. 28 großformatige Ausstellungstafeln beschäftigen sich mit einer Thematik, die über 60 Jahre zurückliegt: der Ermordung von über 10.600 kranken und behinderten Menschen in Grafeneck im Jahr 1940. Die Vernissage findet am Freitag, 14. September um 19.30 Uhr im Lesecafé der Stadtbücherei statt. Das Grußwort hält Oberbürgermeister Dr. Frank Nopper. Franka Rößner von der Gedenkstätte Grafeneck wird in die Thematik der Ausstellung einführen.
Konzipiert wurde die Ausstellung bewusst als Wanderausstellung, um das Thema „Euthanasie“ im Nationalsozialismus einem breiten Publikum zugänglich zu machen. Eine Wanderausstellung kann Orte und Menschen erreichen – innerhalb und außerhalb Baden-Württembergs – die sonst im wahrsten Sinne des Wortes außerhalb der Reichweite der Gedenkstätte Grafeneck liegen. Die Ausstellung ist in vier Themenblöcke gegliedert:

Der erste veranschaulicht die historische Bedeutung Grafenecks: Grafeneck war der erste von insgesamt sechs Orten im nationalsozialistischen Deutschland an dem Menschen mit dem Ziel einer systematisch-industriellen Ermordung in einer Gaskammer getötet wurden. Ebenfalls stammen von hier ein Teil der Täter, die in den späteren Vernichtungslagern des Holocaust auf dieselbe Art und Weise deutsche und europäische Juden ermorden. Dies erklärt die besondere Bedeutung Grafenecks für die Deutsche Geschichte sowie für die Geschichte Baden-Württembergs, mit seinen historischen Ländern Baden, Württemberg und Hohenzollern.
Der zweite Themenblock der Ausstellung zeigt das politische Geschehen auf Reichs- und Landesebene – Berlin und Stuttgart. Ohne diese Verdeutlichung ließen sich die Vorgänge in Grafeneck nicht erschließen und einordnen. Unabdingbar für ein arbeitsteiliges Verbrechen dieser Größenordnung war die Mitwirkung einer Vielzahl von Staatsorganen und Parteiämtern, von Tätern und Helfern.
Den Kern der Ausstellung bildet der dritte Themenblock. Er zeigt Grafeneck als Tötungs- und Vernichtungsanstalt in den Jahren 1939-1941. Schwerpunkte sind hierbei die Veränderung der Anstalt, die Morde des Jahres 1940, die Opfer aber auch die Täter von Grafeneck. Verdeutlicht wird die strategisch übergreifende Planung nationalsozialistischer Gewalt- und Vernichtungspolitik. So werden ab 1941/42 die Täter der „Euthanasie“ gezielt in den Vernichtungslagern des Ostens eingesetzt. Dies gilt für jeden vierten des Grafenecker Personals von 1940. Manch einer durchlief eine „steile Karriere“: als Lagerarzt in Auschwitz-Birkenau, Kommandant von Treblinka oder Belzec, bis hin zum Generalinspekteur der Aktion Reinhardt in seiner Zuständigkeit für die Vernichtungslager Belzec, Sobibor und Treblinka. Deutlich dokumentiert dies auch den Zusammenhang von „Euthanasie“-Verbrechen und Judenmord im Nationalsozialismus.
Der letzte Teil der Ausstellung ist den heutigen Aufgaben der Gedenkstätte Grafeneck gewidmet. Deutlich hervorgehoben wird die Bedeutung der Wahrung der Demokratie und der Menschenrechte. Erst durch deren Aufhebung wurde es möglich Menschen aufgrund von staatlicher Anordnung und mit Hilfe von staatlichen Organen verfolgen und töten zu lassen. Doch auch heute muss sich unser demokratisch verfasstes Staatswesen die Frage stellen, wie es mit Minderheiten, Ausländern, Behinderten, alten und kranken Menschen, umgeht, muss sich fragen, in welchem Umfang es bereit ist, soziale Aufmerksamkeit und materielle Zuwendung bereitzustellen, um Menschen die am Rande der Gesellschaft stehen, zu integrieren und ein würdevolles Leben zu ermöglichen. Hinzugekommen sind die Neuerungen der modernen Bio-Medizin und Bio-Ethik. Sie stellen die Gesellschaft vor Herausforderungen und Probleme, auf die es keine einfachen und eindimensionalen Antworten gibt.
Die Ausstellung kann zu den üblichen Öffnungszeiten der Stadtbücherei Backnang besichtigt werden: Dienstag 14 bis 18 Uhr, Mittwoch 9 bis 18 Uhr, Donnerstag 14 bis 20 Uhr, Freitag 9 bis 16 Uhr und Samstag 9 bis 12 Uhr. Führungen sind nach Anmeldung unter den Telefonnummern 07191-54864 und 07191-84584 möglich. Der Eintritt ist frei.
Die Initiative Stolpersteine Backnang geht nach den Sommerferien mit einer weiteren Veranstaltung an die Öffentlichkeit: Am Montag, 17. September, ist der Künstler Gunter Demnig zu Gast in der Stadt. Er wird für 2 der 23 Opfer der Krankenmorde sogenannte Stolpersteine in den Gehweg vor der letzten frei gewählten Wohnung verlegen.

Quelle: Stadt Backnang

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